Ich identifiziere mich heute als Polyam, oder einfach als Poly*. Unter diesen Labeln werden verschiedene Formen Konsensueller Nicht-Monogamie zusammengefasst. Hier findet ihr eine kleine Definition zu dem Begriff.

Die offene-Beziehung findet mehr Anklang und ReprÀsentation, doch von anderen polyamen Beziehungsformen kann wohl kaum das gleiche behauptet werden. Selbst in linken und queeren Kreisen fehlen noch zu oft realistische Vorstellung, wie polyamore Beziehung praktisch aussehen. Das liegt wohl auch daran, dass das Thema in den Medien total miss- und unterreprÀsentiert ist. Aber das ist vielleicht auch nur mein persönlicher Eindruck.

Mit diesem Artikel ich möchte mit euch teilen, wie ich dahin gefunden hab. Gleichzeitig ist es auch mein kleiner Beitrag fĂŒr eine grĂ¶ĂŸere Sichtbarkeit des Themas.

Das alles nahm so ziemlich seinen Anfang, als eine gute Freundin mir das Buch Radikale ZĂ€rtlichkeit empfohlen hat. Die Autorin ƞeyda Kurt spricht sehr viele unterschiedliche Themen zu Beziehungen und Liebe an. Jedes von ihnen wĂ€re wahrscheinlich spannend genug, um einzeln darauf einzugehen. Da das aber den Sinn von diesem Beitrag verfehlen wĂŒrde, empfehle ich schlicht jedem sich das Buch selbst zu GemĂŒte zu fĂŒhren. Kleiner Tipp: Gibt’s auch kostenlos zum Anhören auf Spotify.

Wenn das Buch eines geschafft hat, dann mich dazu anzuregen, meine Normen zu Liebe und Beziehung zu hinterfragen.

Wieso sollte die (monogame) romantische Beziehung ein Alleinrecht auf Liebe, Romantik und ZÀrtlichkeit haben? Können Freundschaften nicht auch romantisch sein?

Plötzlich verschwammen fĂŒr mich, die vorher noch so klaren Grenzen zwischen romantischen Beziehungen, Freundschaften und “F+“-Beziehungen.

Ist der einzige Unterschied zwischen platonischer und sexueller Freundschaft der Sex? Und worin unterscheiden sich rein sexuelle von romantischen Beziehungen? Was bedeutet das fĂŒr asexuelle romantische Beziehungen? Und was bedeutet ĂŒberhaupt romantisch?

Zu dem Zeitpunkt lag meine letzte monogame romantische Beziehung schon eine Weile hinter mir. Die Trennung hat tiefe Wunden bei mir hinterlassen, aber hat mich auch (unter anderem) zu folgender Überzeugung gebracht:

(Fast) keine menschliche Beziehung ist ewig positiv fĂŒr alle Teilnehmenden. Menschen Ă€ndern sich ĂŒber Zeit und so sollten sich auch die Beziehungen zwischen ihnen Ă€ndern.

Wenn sich Menschen stark verĂ€ndern, kann auch eine Trennung fĂŒr alle Parteien gut und wĂŒnschenswert sein. NatĂŒrlich bedeutet das nicht, dass man beim ersten Konflikt direkt einen RĂŒckzieher machen sollte. Ich bin durchaus der Überzeugung, dass Beziehungen schwere Zeiten ĂŒberstehen und aushalten sollten. Doch romantischen und familiĂ€ren Beziehungen kommt hier eine gesellschaftliche Sonderrolle zu. An ihnen halten wir oft auf biegen und brechen fest, sind bereit die Karriere aufs Spiel zu setzen oder in eine andere Stadt zu ziehen. Und das selbst wenn die Beziehung nicht mehr fĂŒr alle positiv ist. Von langjĂ€hrigen, tiefen Freundschaften hingegen lösen wir uns vergleichsweise schnell.

Ich verwende das Wort “Beziehungen” hier (und auch sonst) nicht exklusiv fĂŒr romantische Partnerschaften. Damit eingeschlossen sind ALLE Formen zwischenmenschlicher Beziehungen, ob Familie, platonische oder sexuelle Freundschaften und Bekanntschaften, als auch romantische Partnerschaften.

All diese Beziehungen haben etwas gemeinsam: Sie erfĂŒllen grundlegende soziale menschliche BedĂŒrfnisse. Dazu können zĂ€hlen Freude, Unterhaltung, Wissen, Rat, NĂ€he, Trost, ZĂ€rtlichkeiten, Sex und WertschĂ€tzung. Damit sind wir in gewisser Weise auf sie angewiesen. Und jetzt predige ich fĂŒr ein Bewusstsein der VergĂ€nglichkeit all dieser Beziehungen - ganz schon deprimierend. Doch ich habe fĂŒr mich eine Strategie gefunden dieses Dilemma zu lösen:

Teile so viele der eigenen BedĂŒrfnisse wie möglich, auf viele unterschiedliche Beziehungen auf.

Dies hat den wesentlichen Vorteil, dass man immer andere Menschen hat, auf die man sich verlassen kann, selbst wenn ein einige Beziehungen ‘ausfallen’. DafĂŒr kann es viele gute GrĂŒnde geben: Krankheit, Unfall, Termine, Karriere, Hobbys, andere Beziehungen, Distanz, emotionale oder physische Erschöpfung oder auch schlicht der Tod.

Ich bezeichne diese Struktur immer gerne als Netz, welches einen auffĂ€ngt und einem Halt gibt. Jede Beziehung stellt einen Knoten dar. Je mehr Knoten das Netz hat, desto stabiler ist es und desto eher bleibt es erhalten, wenn einzelne Knoten reißen.

Mir wurde mal gesagt, dass diese Sichtweise egoistisch sei. Doch das stimmt nicht. Denn auch ich bin ein Teil von sehr vielen solcher Netzen. Jede meiner Beziehungen, ob romantisch, platonisch, sexuell oder familiĂ€r, hat so ein Netz. Sie sind mal mehr, mal weniger stabil und ich erfĂŒlle in jedem andere Aufgaben. Denn:

Jeder Mensch kommt mit seinen eigenen WĂŒnschen und BedĂŒrfnissen.

Wenn diese nicht mit den eigenen zusammenpassen, arbeitet man in gewisser Weise gegeneinander. Das Ă€ußert sich meist darin, dass es einem von beiden Energie kostet die BedĂŒrfnisse des anderen zu erfĂŒllen. Beziehungen sind immer ein Geben und ein Nehmen und nicht immer geschieht beides ausgeglichen und gleichzeitig. NatĂŒrlich ist es legitim an dem einen Tag Energie zu geben und diese an einem anderen wiederzubekommen. Langfristig mĂŒssen die beiden sich aber die Waage halten.

Meine Sprache der Liebe sind ZĂ€rtlichkeiten. Anders gesagt: Ich ziehe meine Kraft aus Umarmungen und BerĂŒhrungen. Um richtig zu funktionieren brauche ich alle paar Tage eine Umarmung. Nach meiner Trennung hab ich sehr unter einem Kuschel-Entzug gelitten. Das Ă€nderte sich erst, als ich meine BedĂŒrfnisse offen mit meinem Freundeskreis kommuniziert hab. Inzwischen gehört eine Umarmung zu jeder BegrĂŒĂŸung dazu, und zum Geburtstag gibts Gruppenkuscheln. Mit manchen Freunden schlĂ€ft man sogar ab und an miteinander - ganz platonisch. Nicht alleine einzuschlafen und miteinander zu kuscheln, wenn auch nur alle paar Wochen, das war ein echter Game-Changer fĂŒr meine mentale Gesundheit.

Die meisten meiner BedĂŒrfnisse konnte ich also erfolgreich auch ohne romantische Beziehung abdecken. Das einzige was mir noch fehlte: Sex. Ich fing also erneut an mit Dating und schnell wurde klar: Ähnlich zu meinen anderen BedĂŒrfnissen, so wollte ich auch meine sexuelles Leben nicht von einer einzelnen Person abhĂ€ngig machen.

Aber hey, da gabs doch das Konzept der offenen Beziehung. Sprich: Eine romantische Beziehung, die es aber den Beteiligten erlaubt, weitere Menschen fĂŒr sexuelle Erfahrungen zu treffen. Essentiell dafĂŒr sind natĂŒrlich Konsens und offene, ehrliche Kommunikation unter den Teilnehmenden. Das gilt selbstverstĂ€ndlich fĂŒr jede Beziehung.

Doch noch bevor ich die Idee so wirklich in die Tat umsetzen konnte, ging ich bereits einen Schritt weiter. Ich fragte mich:

Wieso eigentlich da aufhören? Warum sollte ich nur meine sexuellen BedĂŒrfnisse auf mehrere Beziehungen aufteilen, wĂ€hrend ich romantisch immernoch mogogam lebe?

An dieser Stelle möchte ich dazu aufrufen kurz innehalten und sich die Frage zu stellen: Was bedeutet fĂŒr dich romantische Liebe? Und insbesondere: Wo ziehst du die Grenze zu sexuellen und platonischen Freundschaften?

Auf diese Fragen hat sicherlich jeder eine andere Antwort. Es kann so etwas sein wie eine tiefe Verbundenheit. Ein Auf-der-gleichen-WellenlĂ€nge sein. Der Wunsch ZĂ€rtlichkeiten auszutauschen. Das BedĂŒrfnis Zeit in Zweisamkeit zu verbringen. Den anderen attraktiv zu finden und das Begehren nach sexueller AktivitĂ€t. Vielleicht ist es auch verbunden mit dem Wunsch gemeinsam in eine Wohnung zu ziehen oder Kinder großzuziehen.

Doch wo zieht man die Grenze? Vielen haben wahrscheinlich diese klare Trennung zwischen schwarz und weiß, zwischen “Freundschaft” und “Liebe”. Bei manchen ist es der Sex, bei anderen das zusammenziehen und spĂ€testens bei gemeinsamen Kindern ist bei den meisten die Schwelle erreicht.

Mir ist es allerdings nicht möglich diese eindeutige Grenze zu ziehen und eigentlich will ich das auch gar nicht. Nicht nur in romantischen Partnerschaften spĂŒre ich eine Verbundenheit, sondern auch in meinen Freundschaften. Auch mit meinen Freund*innen genieße ich gerne Zweisamkeit. Ich teile mit ihnen romantische und zĂ€rtliche Momente. Viele von ihnen finde ich attraktiv und mit manchen bin ich in sexuellem Austausch. Mit manchen wohne ich zusammen in einer Wohnung. Und mit ein paar wenigen kann ich mir sogar vorstellen gemeinsam Kinder großzuziehen, auch wenn weder Gesellschaft noch Gesetze fĂŒr solche Familienkonstellationen ausgelegt sind.

Gleichzeitig sind einige dieser genannten Eigenschaften auch kein Muss fĂŒr eine romantische Beziehung. Eine romantische Beziehung kommt auch ohne Sex aus. Sie funktioniert auch in getrennten Wohnungen und sie kann ohne Probleme kinderlos sein.

Dazu ein Zitat von Alok Vaid-Menon:

I want a world where friendship is appreciated as a form of romance. I want a world where when people ask if we are seeing anyone we can list the names of all of our best friends and no one will bat an eyelid.

Ich ziehe folgendes Fazit:

Romantische Liebe ist ein buntes Spektrum. Sie ist nicht romantischen Partnerschaften vorbehalten, sondern lÀsst sich auf jede Beziehung ausweiten.

Diese Auffassung verorte ich heute bei einem Konzept, dass sich Beziehungsanarchie nennt. Es geht von der Annahme aus, dass jede Beziehung einzigartig ist und darum auch einzigartig behandelt werden sollte. Als Basis fĂŒr die Beziehung gelten nicht gesellschaftliche Normen und Regeln, sondern individuelle WĂŒnsche und BedĂŒrfnisse.

Ich habe zu jedem Menschen eine Beziehung. Jede dieser Beziehungen ist einzigartig.

Anfangs war ich noch skeptisch von der Beziehungsanarchie, doch ĂŒber die letzten Monate identifiziere ich mich immer mehr damit. Wie man vielleicht merkt, ist mein Weg hierhin ziemlich von Theorie und philosophischen Gedanken geprĂ€gt. Polyamorie auch noch etwas Neues fĂŒr mich. Mir mangelt es noch an praktischen Erfahrungen in polyamoren Beziehungen. Zwar freue ich mich schon gespannt auf diese Erfahrungen, gleichzeitig habe ich aber auch noch Angst. Eine offene Frage ist sicherlich noch, wie man am besten mit Eifersucht in polyamoren Beziehungen umgeht.

Es ist wohl offensichtlich, dass gute Kommunikation das A und O fĂŒr jede Beziehung sind. Wie ich herausfunden habe liegt die Schwierigkeit aber meist nicht darin seine Erwartungen und WĂŒnsche auszusprechen, sondern darin diese ĂŒberhaupt zu erkennen. Man muss sich also auch sehr intensiv mit sich selbst und seinen Gedanken und GefĂŒhlen beschĂ€ftigen. Dadurch, dass man auf vorhandene implizite Erwartungen an die Beziehung verzichtet, mĂŒssen diese individuell alleine und im Dialog erarbeitet werden. Das kann auch anstrengend sein. Deshalb bleiben die BedĂŒrfnisse in den vielen Beziehungen weiterhin verborgen oder werden nur non-verbal ausgedrĂŒckt.

Polyam zu sein bedeutet fĂŒr mich, sich auch in der Gegenwart und Zukunft weiter mit dem Konzepten Liebe, ZĂ€rtlichkeit und Beziehung auseinanderzusetzen. Es bedeutet sich mit seinen BedĂŒrfnissen und GefĂŒhlen zu beschĂ€ftigen und diese offen zu Kommunizieren. In einer Welt, in der Monogamie immernoch die Norm ist, gehört es fĂŒr Poly*-Menschen dazu, eingeprĂ€gte monogame Denkmuster zu erkennen und abzulegen.

So
 das wars erstmal von meiner Seite. Ich bin schon echt gespannt, welche Erfahrungen die Zukunft mit sich bringt. Vielleicht mach ich irgendwann nochmal ein Update zu dem Thema.

An dieser Stelle möchte ich zudem ein großes Danke aussprechen an alle Menschen, die mich auf diesem Weg direkt oder indirekt begleitet haben. Seien es philosophische GesprĂ€che auf einem Spaziergang oder Kneipenabend, Empfehlungen zu (Hör-)BĂŒchern, ein offener Umgang mit ZĂ€rtlichkeiten, oder die Möglichkeit praktische Erfahrung ĂŒber Beziehungen und Konsens zu sammeln.